Studio 54 und mehr: Warhol, Jagger, Grace Jones, Sly Stallone – und Pelé.

In New York geriet Franz Beckenbauer in die Hochphase der Disco-Ära, zelebriert im Studio 54, in der 254 West 54th Street in Midtown Manhattan. Dort traf der Kaiser die Reichen und die Schönen. Mittendrin: der schüchterne Andy Warhol.
Pop Art is for everyone

Ein Sprung von 1977 in den September 2020. Als Andy Warhol diese Porträts von mir produzierte, war er schon lange tot. Den Gag aber hätte er gemocht. War er doch – wie die Warhol-Ausstellung in Bangkok – Beweis dafür, dass sein Werk lebt.
Und das war der Gag: Jeder Ausstellungsbesucher konnte sich im Warhol-Stil porträtieren lassen. Ganz im Sinne des Meisters: Die Vervielfältigung ist wichtiger als das singuläre Objekt. Da ich vergaß, die Maske abzunehmen, wurde es ein Warhol-Porträt in den Tagen von Covid-19.

„Das Projekt wird getragen von Hoffnung und Zuversicht“, sagte Linda Cheng, Geschäftsführerin des Kunsthauses River City Bangkok, „als Andy Warhol sagte: Pop Art ist für jeden da, wollte er ein Zeichen geben, dass Kunst jedem zugänglich sein sollte, nicht nur einer Elite.”
Warhol sah die Zukunft voraus

In den 1970er Jahren war New York die Hauptstadt der Welt: kreativ, glamourös, dekadent, gefährlich. Immer mittendrin: Andy Warhol. Er gab dem Banalen Glanz und dem Glamour Tiefe.
„Andy sah die Kunst in allem und war enthusiastisch wie ein Kind bei allem, was er tat. Wenn er mit seiner Polaroid ein Bild von sich selbst machte, machte er ein Foto von der Zukunft, in der jeder ein Bild von sich machen würde, jeder auf eine Bühne wollte, auf eine Leinwand, ein Foto, das Cover eines Klatschmagazins. Andy sah ihn kommen, all den Hype um das Berühmtsein. Und er trug dazu bei, dass es so kam.“
Grace Jones
„I`ll never write my memoirs“, lautet der selbstironische Titel der Autobiographie von Grace Jones. Die jamaikanische Sängerin und Schauspielerin, selbst Stil-Ikone der exzessiven Disco-Ära rund ums Studio 54, widmet Wegbegleiter Warhol ein ganzes Kapitel.

„Als Andy nach Manhattan kam, fühlte er sich als Außenseiter. Er war immer noch dabei herauszufinden, wer er war und wo sein Platz war. In den Sechzigern und Siebzigern war New York das Zentrum des künstlerischen Universums, The Factory das Zentrum des Zentrums und Andy der Mann im Zentrum des Zentrums. In seiner Factory, einem Gebäude nahe dem Empire State Building, schuf er Stars, die er umgehend Superstars nannte; fortan setzte er den Standard für Ruhm, Skandal, Erfolg, Misserfolg und seine Vorstellung von der High Society.“


Das US-amerikanische Lifestyle-Magazin Interview wurde 1969 von Andy Warhol und dem Journalisten John Wilcock in New York gegründet. Die Titel mit den Porträts der Auserwählten gestaltete Richard Bernstein. Grace Jones: „Alle glaubten natürlich, sie seien von Andy persönlich. Wenn ihm die Cover vorgelegt wurden, gab er Anweisungen wie ein plastischer Chirurg: Lass das weg, kürze dies, beschneide jenes, füge mehr Farbe hinzu, ändere diese Nase usw. Und, ganz selten: Lass es so, wie es ist.“
Die Sprache der Zeichen

Bevor Warhol berühmt wurde, war er längst ein anerkannter Werbegrafiker, Illustrator und Künstler. Schon 1962 bekam er in Los Angeles mit den Campbell’s Soup Cans seine erste Einzelausstellung. Dafür produzierte er 32 fast identische Bilder, weil es die Suppenkonserve in 32 verschiedenen Geschmacksrichtungen gab.
Die Bilder trafen auf totales Unverständnis. Nur fünf Käufer erkannten die revolutionäre Neuerung in Warhols Sichtweise; einer von ihnen war der Schauspieler Dennis Hopper. Keiner der Käufer erhielt sein Bild, für das jeder 100 Dollar bezahlt hatte, weil Galerist Irving Blum in Absprache mit Warhol das Ensemble zusammenhalten wollte und nach der Ausstellung komplett für 100.000 Dollar kaufte, obwohl Warhol nur 1.000 Dollar gefordert hatte.
1996 wurden sie für 15 Millionen Dollar an das Museum of Modern Art in New York City veräußert.

Besessen von Prominenz

Er hielt ein Autogramm in Ehren, dass er als 13-Jähriger von Shirley Temple bekommen hatte: To Andrew Warhola. Seine Eltern Ondrej Varhola (amerikanisiert zu Warhola) und Julia Justyna waren Immigranten aus dem Dorf Miková in den Karpaten.
“Andy hatte Angst, in der Menge zu stehen, doch er hätte das nie zugegeben“, schrieb Grace Jones, „und er liebte Klatsch, davon konnte er nicht genug bekommen. Er hatte immer ein kleines Tonband in der Jackentasche, nahe am Herz, um Gespräche aufzunehmen und Erinnerungsnotizen – es war ein Teil von ihm. Er nannte es seine Ehefrau.“

Impressionen aus dem Studio 54
Warhol war sehr unsicher und blieb lieber als Beobachter im Hintergrund, kaum zu sehen oder zu hören. Eigentlich ging er ungern in die Clubs, aber es war Teil seiner gesellschaftlichen Verpflichtungen.

Meistens bewegte er sich kaum, stand im Dunkeln, beobachtete die, die um Aufmerksamkeit buhlten und hielt alles und alle auf Distanz. Keiner lernte ihn wirklich kennen.

Das letzte Foto von Andy zeigt ihn auf dem Rücksitz des Autos, das ihn zum Krankenhaus fuhr, zur Operation. Sein Gesichtsausdruck lässt uns vermuten, dass er glaubte, dem Unbekannten entgegenzufahren: Seiner letzten Verabredung.

Seine Werke haben überlebt und werden immer noch in aller Welt ausgestellt.

