Titelfoto: Wandmalerei in Chiang Mai/Thailand
368 Seiten Klopp und ein wenig Kosicke
Jeden Tag fahre ich auf meinem Scooter an seinem unfreundlichen Gesicht vorbei. Jürgen Klopp ist auch in meiner Wahlheimat Thailand bekannt, beliebt, präsent. An der Ecke Sridonchai Road/ zieht eine Wandmalerei viele erstaunte Blicke auf sich. In Liverpool schaut Klopp von einigen Hauswänden; in Chiang Mai im Norden Thailands erwartet man so ein Bild eher nicht. Bärtig, bebrillt, Wuschelkopf: Klopp schaut grimmig drein. Dieser Mann hat viele Gesichter.
Am 24. September betreut Klopp als neuer Bundestrainer erstmals die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, in Amsterdam gegen die Gastgeber aus den Niederlanden. Was erhoffen wir uns im schlechtesten Fall? Ein leidenschaftliches Team, das den Fans die Identifikation wieder ermöglicht. Noch vor dem Anpfiff wollte ich mehr erfahren über Klopp. Des wegen habe ich Michael Horenis Buch gelesen, das kürzlich erschienen ist. Horeni bezeichnet den neuen Bundestrainer als den derzeit international bekanntesten Deutschen. Da habe ich schon gestutzt. Aber ich denke, es stimmt.

Das Buch hat mich gepackt. Wer den Menschen und Trainer Jürgen Klopp näher kennenlernen will, kommt an diesen 368 Seiten nicht vorbei. Ob es wirklich um die Neuerfindung des Fußballs geht, wie das Cover vollmundig verspricht, haken wir mal großzügig unter Verkaufsförderung ab. Wichtiger ist, dass wir Klopp wirklich erfahren, in seiner Entwicklung, in seinen Stärken, Schwächen und Widersprüchen. Denn Horeni wahrt in seiner Biographie die nötige Distanz zu seinem Protagonisten.
Wir lernen auch Marc Kosicke näher kennen, den Mann an Klopps Seite, und die wichtige Rolle des Mainzer Managers Christian Heidel. Wir erfahren detailliert die Motive Klopps, als er dem Angebot von Red Bull erlag – ein Engagement, das mich auch nach der Lektüre nicht überzeugt. Was mich am meisten überrascht hat: Wie sehr Klopp noch immer von seiner Anfangszeit in Mainz geprägt wird, wo aus dem Spieler Kloppo über Nacht der Trainer Klopp wurde. Den Trainer habe ich von Beginn an intensiv verfolgt. In Mainz, als WM-Erklärer 2006 bei ZDF, bei meinen beiden Lieblingsvereinen Borussia Dortmund und FC Liverpool. „Heavy Metal“ lautete das Stichwort. Klopps Fußball passte zum Publikum im Westfalenstadion und in Anfield. Und zu mir. Denn ich erhoffe mir in jedem Spiel, den Alltag mit seinen Herausforderungen und Grübeleien vergessen zu können. Das passiert hin und wieder in einem Spiel, bei Klopp passierte es regelmäßig.
Es gab Tage, da konnte ich mich auch für Pep Guardiolas kontrollierten Fußball erwärmen, da er von herausragenden Akteuren umgesetzt wurde. Bei Guardiola schaute ich zu, bei Klopp lief ich im Wohnzimmer an der Seitenlinie mit. In seiner Liverpooler Zeit gab es Kombinationen, in denen sich Idee, Intuition, Schnelligkeit und Technik zu einer Form von Kunst verdichteten, die den Zuschauern ekstatische Momente schenkte, von denen sie lange zehren konnten. Und wenn das Ensemble der Reds nach einem Ballverlust weit vorne zum Gegenpressing ansetzte, reagierten selbst erfahrene Gegner panisch wie in die Enge gehetztes Wild.
Wenn ich im Fernsehen bei Querpassorgien gähne, frage ich mich: Warum gibt es nicht mehr Trainer wie Klopp, mit einer ähnlich mutigen Philosophie? Heute glaube ich die Antwort zu wissen: Der Mann hat einfach keine Angst. Hatte er nie. Das unterscheidet ihn von den meisten Kollegen. Liegt es daran, dass er im christlichen Glauben verankert ist und im Innersten weiß, dass es Wichtigeres gibt als Fußball? So äußert er sich hin und wieder. Immer auch war er dennoch ein miserabler Verlierer. bei Bedarf zähnefletschend, den vierten Offiziellen anpflaumend, die Verkörperung biblischen Zorns. Auch nach Siegen konnte er schneidend pampig werden, vor Sarkasmus triefend, wenn ihn ein Medienvertreter auf dem falschen Fuß erwischte oder, noch schlimmer, auf dem richtigen. Denn der charismatische Kommunikator verliert hin und wieder seine Souveränität, wenn es um die Berufskommunikatoren geht, die Medien.
In Amsterdam wird das keine Rolle spielen. Da zählt nur eins: Wir wollen Klopp-Fußball sehen, den Aufbruch in eine neue Ära.
